RELING Blog

Unser Crewmitglied Maren Albertsen ist studierte Kulturwissenschaftlerin und arbeitete bis September 2020 als Redakteurin für verschiedene Verlage und Unternehmen, darunter mehrere Jahre für das Hamburger Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“. Aktuell studiert sie Soziale Arbeit, engagiert sich ehrenamtlich beim „Hamburger Gabenzaun e.V.“ und unterstützt die RELING als studentische Aushilfe und Verfasserin dieses Blogs*.

*(Blog-Beiträge sind für den 1. und 15. monatlich geplant.)


14.10.2021

Warum RELING?

Eine Reling gibt Halt. Aber sie hält nicht fest. Sie bietet Schutz, wenn man ihn braucht. Aber sie beschwert einen nicht, zieht einen nicht runter. Man hat immer die Wahl: zugreifen – oder nicht. Zugreifen – und wieder loslassen.

Das Fundament unserer RELING: Akzeptanz, Vertrauen, Neugier

Drei Worte, die über allem stehen. Und gleichzeitig die Basis sind. Sie stehen für eine Grundhaltung in der Sozialen Arbeit. Und begleiten uns an jedem Arbeitstag.

Akzeptanz – als bedingungslose Anerkennung unserer Gäste in ihrem „So-Sein“. In ihrem Eigensinn und ihrer Erwartungshaltung, ihrem Witz und ihrer Warmherzigkeit, ihrer Härte und ihrer Hartnäckigkeit. Alle Besucher*innen haben ihre Würde, die nicht antastbar ist. Was für uns daraus als Selbstverständlichkeit folgt? Eine Begegnung auf Augenhöhe, mit Respekt und Wertschätzung.

Vertrauen – als unbeirrbarer Glaube daran, dass in jeder Situation die Chance zu einer Veränderung liegt. Zu einem ersten Schritt, zum Segel setzen Richtung Neuanfang. Vertrauen darin, dass unsere Haltung dazu beiträgt, dass auch unsere Gäste lernen zu vertrauen – und daraus neue Kraft schöpfen. Unsere Hand (bzw. unsere RELING) ist ausgestreckt. Jede*r ist willkommen „zuzugreifen“ und um unsere Hilfe zu bitten. 

Vertrauen auch in uns als Team untereinander. Dass wir uns gegenseitig stützen und unterstützen, während unserer Arbeit aufeinander achtgeben. Vertrauen darin, dass immer jemand da ist, der ein offenes Ohr für uns hat. Dem wir auch erzählen können, wenn uns etwas belastet. Wenn wir uns um einen Gast besonders sorgen – oder wenn uns Erlebnisse traurig machen.

Neugier – als ehrliches Interesse an und besondere Aufmerksamkeit für den Alltag und die Lebenssituationen unserer Besucher*innen. Für ihre Konflikte, ihre Sorgen, ihr Glück, ihre Fantasie. Für ihre Rückschläge, ihre Fortschritte, ihre Eigeninitiative. Und ihren Mut, bei uns um Hilfe und Halt zu bitten. Vielen Dank dafür!

Akzeptanz, Vertrauen, Neugier – und Vorfreude auf jeden neuen Arbeitstag. Hier, bei der RELING.

Maren Albertsen


01.10.2021

Von Menschen und (Un)Menschlichkeit

Es war dieser eine Satz. Unser Gast sagte ihn am Ende unseres kleinen Klönschnacks vorm Gebäude der RELING. Er sagte ihn zweifelnd, tief verunsichert: „Ich bin doch ein Mensch, oder?“ Ein Satz, der bei uns, der RELING-Crew, hängenblieb. „Ja“, erwiderten wir sofort. Klar und deutlich. Aber so klar ist es eben offensichtlich nicht. Nicht für jeden. Denn nicht jeder hat sie verinnerlicht – diese simple, dafür umso wichtigere Wahrheit, die unser Leben erst zu einem Zusammenleben macht: Wir sind alle Menschen. Jeder einzelne von uns ist ein Mensch. Wir alle werden geboren mit der gleichen Würde. Einer unantastbaren Würde. Und doch erfahren unsere Besucher*innen immer wieder, wie ihre Würde angetastet wird, wie sie würdelos behandelt werden.

„Geh doch arbeiten“ – das sei noch die harmloseste Bemerkung von Passanten, wenn er sie höflich um ein paar Cent bitte, so unser Gast. „Ich sage dann immer: Gerne. Sofort. Haben Sie denn Arbeit für mich?“

„Du bist selbst Schuld an deiner Situation“, „Du bist halt faul, ein Schmarotzer“, „Wer auf der Straße lebt, will das so“, „Wer Drogen nimmt, hat sich einfach nicht im Griff“ – solchen Vorurteilen begegnen unsere Gäste leider immer wieder.

Wir beraten und begleiten in der RELING Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen Schwierigkeiten haben, ihr Leben in ihrem Sinne zufriedenstellend zu bewältigen. Es sind Obdachlose dabei, Suchtkranke, Arbeitslose, psychisch Kranke. Menschen, die nur einmalig Unterstützung benötigen genauso wie Stamm-Besucher, die zwischendurch mal auf einen Kaffee und ein kurzes Gespräch vorbeischauen. Sie alle wollen (und sollen) wahrgenommen, gesehen und gehört werden. Auf Augenhöhe.

Denn: Unsere Gäste sind alle Menschen. Sie alle sind reich an Erfahrungen und Erlebnissen, reich an Fähigkeiten und Potenzialen. Sie bringen ihre Geschichten mit, lassen uns teilhaben – und wünschen sich umgekehrt meist auch vor allem das: Teilhabe. Etwas, das ihnen verwehrt wird, wenn sie von anderen beleidigt, stigmatisiert und respektlos behandelt werden.

Dabei erwarten unsere Besucher*innen von ihren Mitmenschen meist gar nicht viel. „Nur ein bisschen Mitmenschlichkeit“, so unser Gast. Das muss nicht mal ein freundliches „Hallo, wie geht es dir?“ sein. „Mir reicht es schon, wenn jemand mir mal zunickt, mich anlächelt.“ Ein kleines, aber wertvolles Zeichen der Wertschätzung. Das Schlimmste, so unser Gast, sei deshalb für ihn, „wenn Passanten mich komplett ignorieren, wenn sie absichtlich wegschauen, mich ausgrenzen. Wenn sie so tun, als gäbe es mich nicht.“

Das seien die Momente, in denen diese Frage auftauche. Die Frage nach Zugehörigkeit in dieser Stadt, in dieser Welt. Die Frage, ob man ein Mensch sei. Und wenn man darauf kein klares Ja hört? Was macht das mit einem? „Das ist ein Schmerz – den kriegt man aus dem Herzen nicht mehr raus.“

Maren Albertsen

Symbolbild/Quelle: read-picture-id140382186 (612×438) (istockphoto.com)

01.11.2021

Aber eins bleibt: Hoffnung

Jedem Ende wohnt ein Zauber inne. Oder wie heißt es noch bei Hesse? Gut, da ist vom Anfang die Rede. Und dessen Zauber. Aber manchmal birgt auch ein Ende etwas Magie in sich. Und die Chance, zu einem Anfang zu werden. Einem Neuanfang.

So wie bei dem jungen Mann, den wir regelmäßig während unserer Straßensozialarbeit in der Nähe des Hauptbahnhofes treffen. Als wir ihn vor mehreren Wochen zum ersten Mal ansprachen, war er am Ende. Und dort saß er auch. Am Ende einer Mauer gegen die Wand gekauert, leerer Blick, heruntergekommen, das ganze Gesicht: Trauer.

Verzweifelt erzählte er uns vom Tod seines Hundes. Seines geliebten Hundes, der viel mehr für ihn war als „bester Freund“: „Er war der einzige, der nicht über mich geurteilt hat, der mich nicht verurteilt hat. Er hat mich geliebt. So, wie ich bin.“ Doch nun war sein einziger Verbündeter gestorben. Krebs. Ende. „Er ist jetzt im Himmel. Da will ich auch hin. Dort sehe ich ihn wieder.“

Das sind Momente, in denen Sprache versagt. In denen „wird schon wieder“, nicht hilft. Wo aber scheinbar banale Dinge helfen: Da sein. Zuhören. Eine Hand reichen. Empathie zeigen. Signalisieren: „Du bist nicht allein. Du bist wichtig, du bist wertvoll.“

Und so gingen wir weiterhin auf ihn zu. Dankbar, dass er dies zuließ. Dass er sich nicht völlig zurückzog in seiner Trauer. Dass er uns vertraute, sich uns anvertraute. Kleine Schritte, manchmal klitzeklein. Aber so wichtig, um das Ende nicht gewinnen zu lassen.

Und tatsächlich, nach und nach: In sein Gesicht kam wieder Leben, seine Haltung wurde aufrechter. Er erhielt Zuspruch, nicht nur von uns, sondern auch von anderen Obdachlosen. Er fand die Kraft, selbst wieder auf andere zuzugehen. Um Unterstützung zu bitten. Anträge für Grundsicherung auszufüllen. Neue Struktur in sein Leben zu bringen, was er vorher für seinen Hund „ganz automatisch“ gemacht hatte.

Einige Wochen sahen wir ihn nicht. Machten uns Sorgen. Doch wieder ein Rückfall? Ins Ende? Nein, Im Gegenteil. Denn als wir ihn nun vor kurzem wieder antrafen, strahlte er uns schon vor weitem an. Erzählte von einem neuen Hund, den er, vermittelt über eine Bekannte bald bekommen würde. Und erzählte uns von Liebe. Vom Verliebtsein „in die tollste Frau“. Und baldigem Zusammenziehen „mit meinem Schatzi.“

Das sind auch Momente, in denen Sprache versagt. In denen „oh, wie schön“, nicht ausreicht. Nicht ausreicht, um das Mitfreuen auszudrücken. Und um die Anerkennung auszudrücken, dass er diesen Weg für sich gewählt hat. Mit ein bisschen Hilfe zur Selbsthilfe. Weg vom Ende, hin zum Neuanfang.

Einem Neuanfang, dem ein Zauber innewohnt.

Maren Albetsen

Symbolbild/Quelle: dandelion-4886946_960_720.jpg (960×720) (pixabay.com)

15.11.2021

Gute Frage(n)

„Wie geht’s dir?“ zum Beispiel. Eine simple Floskel. Oft nur so dahingesagt, oft ohne Erwartung einer ehrlichen Antwort. Im Alltag wollen wir manchmal gar keine. Eine ausführlichere erst recht nicht…

Aber „Wie geht’s dir?“ kann auch ein Türöffner sein. Eine Brücke, um an Bord zu kommen. Wie hier in der RELING, wenn wir auf diese Weise unsere Gäste begrüßen. Wenn wir das ganz bewusst tun, als ernst gemeintes Interesse, als Einladung zu einem vertrauensvollen Gespräch.

In so einem Moment steckt ganz viel in der Frage: wichtige Wachsamkeit (im Sinne von Aufmerksamkeit), wertfreies „Wissen-Wollen“ (um die aktuelle Lebenslage unserer Besucher*innen), wirkliche Wertschätzung (im Sinne von Akzeptanz und Empathie). 

Natürlich ist es total okay, wenn wir als Antwort nur ein Achselzucken erhalten, ein „gut“, „schlecht“ oder „muss ja“. Aber wir haben durch die Frage gezeigt: Unser Ohr ist offen – wem etwas auf der Seele liegt, kann das mit uns teilen. Was auch heißt: Unsere Hand ist ausgestreckt – wer Halt braucht, kann einfach zugreifen.

Apropos brauchen: „Was brauchst du?“ Noch so eine simple Frage. Aber genauso wichtig, gerade in der Sozialen Arbeit. Nicht „Was willst du?“ oder „Was hättest du denn gern?“, sondern „Was brauchst du?“ – im Sinne von: „Was benötigst du wirklich?“

Das macht deutlich: Es geht nicht um unerfüllbare Wünsche, es geht nicht um unangemessene Ansprüche. Es geht um die tatsächlichen Bedürfnisse und Bedarfe unserer Gäste. Um ihre Rechte und um das, was ihnen zusteht. Darum, was ihr konkretes Anliegen ist – und wie wir ihnen dabei helfen, wie wir sie individuell unterstützen können.

Denn so viel wir uns auch anlesen, so gut unser theoretischer Hintergrund ist: Jede Situation, jede Begegnung mit unseren Besucher*innen ist im besten Sinne des Wortes einzigartig. Es gibt deshalb (zum Glück) kein Schema F, keinen Handlungskatalog, der unveränderlich gilt.

Was also tun? Diese Unsicherheit akzeptieren. Ganz genau hinhören, was unsere Gäste als ihr Anliegen nennen. Und anerkennen, dass nur sie selbst die Expert*innen ihres Alltags sind. Dass wir keinesfalls für sie (oder gar über sie hinweg) entscheiden können (und dürfen) – sondern dass wir immer gemeinsam an der für sie passend(st)en Lösung arbeiten. Hin zu einer selbstständigen, geglückten (und damit auch beglückenden) Lebensführung.

Und dabei nie die simplen Fragen vergessen, die diesen Hilfeprozess meist so simpel ins Rollen bringen: „Wie geht’s dir?“ und „Was brauchst du?“

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Copy-of-02_BLOG_Featured-Image-5-1.jpg
Symbolbild/Quelle: Copy-of-02_BLOG_Featured-Image-5-1.jpg (1000×666) (govolunteer.com)

01.12.2021

Advent, Advent…

Ein Blick ins Licht. Leider kein Lichtblick.

Nun brennt sie also – die erste Kerze auf dem Adventskranz. Eigentlich ein Zeichen der Vorfreude, der Hoffnung.  Aber für uns in der RELING ist sie auch Mahnung, Erinnerung, ein flammendes „Jeder Einzelne ist einer zu viel!“

Mindestens 29 Obdachlose sind in diesem Jahr auf Hamburgs Straßen gestorben, wie „Hinz&Kunzt“ Mitte November berichtete. Weitere 17 Obdachlose starben im selben Zeitraum in Hamburgs Krankenhäusern. Nicht zu vergessen die vielen, viel zu vielen Wohnungslosen der Stadt, die dieses Jahr verstorben sind. Zählt man sie hinzu, steht da plötzlich eine erschreckende Zahl im Raum: 125.

125 tote Obdach- und Wohnungslose. Allein in diesem Jahr. In Hamburg.

Unfassbar!

Eine unfassbare Zahl. Aber eben keine Zahl. Es geht hier um Menschen. Menschen, oft allein gelassen im Leben – und auch allein gelassen im Sterben.

Vor ein paar Tagen hat die Ampel-Koalition verkündet, dass sie die Obdachlosigkeit in Deutschland bis 2030 mit einem „Nationalen Aktionsplan“ überwinden will. Jetzt müssen Worten endlich Taten folgen. Taten, auf die 125 Menschen in Hamburg dieses Jahr vergeblich gewartet haben. Für sie wurde am Totensonntag ein bewegender Gedenkgottesdienst in der St. Bonifatius-Kirche in Hamburg veranstaltet.

Die Namen der Verstorbenen wurden vorgelesen, es wurden Kerzen angezündet. Blicke ins Licht, in der Hoffnung auf kleine Lichtblicke. Gemeinsam Zeichen setzen im Sinne von „Ihr seid nicht vergessen“, Zeichen setzen im Sinne von „Ihr wart und seid wertvoll.“

So wertvoll, wie für uns auch die Menschen sind, die uns in der RELING besuchen und denen wir während unserer Straßensozialarbeit begegnen. Alle. Jeder einzelne von ihnen. Der Gast, der sich bei uns ab und zu „den nötigen Stups“ abholt, um sein Leben dann wieder einige Zeit selbständig „auf die Kette zu kriegen“, genauso wie der Besucher, der immer wieder denselben „Endlos-Monolog“ abspult – und gar keine Beratung möchte, sondern sich einfach „nur“ gesehen, gehört und verstanden fühlen will.

Der ältere Obdachlose, der uns jedes Mal freudestrahlend und mit „ner mega-krassen Story“ begrüßt, wenn wir ihn in der City antreffen, genauso wie die neue Klientin, alkoholkrank, die nach „Jahren des Selbstbelügens“ zum ersten Mal genügend Mut aufbrachte, den entscheidenden Satz zu sagen: „Ich brauche Hilfe.“

Sie alle sind wunderbar, wandelbar. Einzigartig, eigensinnig.

Umso wichtiger, dass wir alle dafür einen Sinn beziehungsweise das im Sinn haben. Umso wichtiger, nicht zu vergessen. Sondern sich zu erinnern, dass da draußen Menschen sind, auf der Straße. Die Unterstützung brauchen. Die dort leben. Die leider nicht immer überleben. Lassen wir für sie die Kerze brennen – nicht nur in der Adventszeit.

Ein Blick ins Licht. Ein kleiner Lichtblick.

Autorin: Maren Albertsen

Symbolbild/Quelle: Mahnwache_BELA-806×392.jpg (806×392) (hinzundkunzt.de)

RELING Anlaufstelle für Soziale Arbeit und Beratung

Neustädter Straße 27, 20355 Hamburg

Tel.: (+49) 40 – 35 71 86 56

Mail: kontakt@reling-hamburg.de