RELING Blog

Unser Crewmitglied Maren Albertsen ist studierte Kulturwissenschaftlerin und arbeitete bis September 2020 als Redakteurin für verschiedene Verlage und Unternehmen, darunter mehrere Jahre für das Hamburger Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“. Aktuell studiert sie Soziale Arbeit, engagiert sich ehrenamtlich beim „Hamburger Gabenzaun e.V.“ und unterstützt die RELING als studentische Aushilfe und Verfasserin dieses Blogs*.

*(Blog-Beiträge sind für den 1. und 15. monatlich geplant.)


  • Wie kann man nur?

    Wie kann man nur so viel Hass in sich tragen? Hass gegen die Ärmsten und Schwächsten der Gesellschaft. Und wie kann man sich nur so verhalten? So verachtungsvoll, abscheulich, brutal. Wie kann man nur? Das fragten wir uns kürzlich nach einer unserer „StraSo“-Runden. Entsetzt, wütend. Die Szene, die wir da am Hauptbahnhof aus einiger Entfernung mitbekommen hatten, steckt uns immer noch in den Knochen.

    Ein paar Obdachlose saßen neben einem Durchweg zur U-Bahn an eine Mauer gelehnt und taten – nichts. Also sie taten nichts, was jemanden belästigen, verängstigen oder sonst wie behelligen könnte. Sie waren nicht laut, nicht aggressiv, behinderten keine Passanten am Vorbeigehen. Sie tranken Bier, unterhielten sich. Sie waren einfach nur da.

    Was aber wohl einfach schon zu viel war. Zu viel für den Mann, der die Gruppe soeben passiert hatte, als er sich ruckartig umdrehte und mit hochrotem Kopf schrie: „Ihr Asozialen! Ihr seid Abschaum! Geht arbeiten! Verpisst euch!“

    Fassungslos hörten wir diese Worte, hörten noch weitere, viel schlimmere Worte, die folgten. Worte, die den Menschen, denen sie galten, ihr Menschsein absprachen, ihre Würde, ja, sogar ihr Recht auf Leben: „Geht sterben!“

    Fassungslos sahen wir, wie der Mann während seiner Hasstirade nach einer Glasflasche auf dem Boden griff und in Richtung der Gruppe warf. Nur durch Glück, durch Zufall, was auch immer, traf sie niemanden. Sie zersplitterte krachend auf dem Boden. An einer Stelle, die nur eine Sekunde später eine Mutter mit Kinderwagen betrat.

    Fassungslos erlebten wir uns selbst einen Moment in Schockstarre. Realisierten erst, was da gerade passiert war, als der Mann schon verschwunden war. Standen zu weit weg, um eingreifen oder den Mann später für eine Anzeige bei der Polizei beschreiben zu können.

    Konnten also nicht mehr viel tun – außer für die Betroffenen nach diesem schlimmen Erlebnis da zu sein. Unendlich traurig machte uns deren Reaktion – nämlich keine. Stattdessen Resignation, Achselzucken: „Wir sind das gewohnt.“

    Wie kann das nur? Wie kann das nur sein? Das Verachtung von und Gewalt gegenüber Obdachlosen „normal“ ist?

    So ein Verhalten lässt sich durch nichts rechtfertigen. Die Obdachlosen sollen arbeiten gehen? Dann helft ihnen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen! Die Obdachlosen sollen sich verpissen? Dann gebt ihnen ein Zuhause, in das sie sich verpissen können! Die Obdachlosen sind asozial? Dann lasst sie am sozialen Leben teilhaben!

    Und hört auf, von „den“ Obdachlosen zu reden. Denn „die“ Obdachlosen gibt es nicht. Es gibt nur Menschen. Wunderbare, wertvolle, einzigartige und eigensinnige Menschen. Keiner ist besser, keiner ist schlechter. Jeder hat seine persönliche Geschichte, seine eigenen Probleme, Ressourcen und Bedürfnisse.

    Wie kann man nur? Wie kann man das nur nicht sehen? Wie kann man so blind sein, wenn es um Geschwisterlichkeit, Miteinander, Verantwortung geht? Und wie kann man so eifernd sein, wenn es um Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewalt geht?

    Wie kann man nur?

    Maren Albertsen

    Symbolbild / Quelle: eine-kaputte-bierflasche-liegt-auf-dem-boden-symbolbild-nach-flaschenwuerfen-auf-passanten-wurden-mehrere-minderjaehrige-festgenommen-.jpg (610×343) (t-online.de)

  • Zwei Hände

    Zwei Hände

    Und plötzlich, endlich, lächelte sie. „Wisst ihr was?“, fragte die ältere Frau, nachdem eine letzte Träne über ihr Gesicht gekullert war. „Mir ist oft kalt von innen drinnen. Aber ihr habt ein warmes Herz. So kann ich auftauen.“ Worte, die nachhallen. Gehört während einer unserer „StraSo“-Runden. Dabei taten wir gar nichts Besonderes. Nur das, worin wir unseren Auftrag in der RELING sehen, im Büro genauso wie bei der Straßensozialarbeit: Zuhören, Akzeptieren, Wertschätzen. Unterstützen, Alternativen aufzeigen, Mut machen. Und mit Worten auch einfach mal in den Arm nehmen. Ganz fest.

    Das sind Berührungen, die auch uns berühren. Und uns so viel zurückgeben. Gerade, weil immer noch Abstand halten angesagt ist. Und weil um uns herum, man kann es leider nicht anders sagen, ein f***ing Krieg herrscht.

    Was für ein wunderbares Geschenk in diesen Zeiten, dass ihr uns so vertraut, liebe Gäste. Euch uns anvertraut. Dass ihr euch bei all dem Mist, der euch im Leben widerfährt, trotzdem aufrafft und zu uns kommt. Dass ihr eure Geschichten mit uns teilt, die schönen genauso wie die traurigen. Dass ihr euch nicht klein machen lasst, sondern die Größe habt, um Hilfe zu bitten.

    So wie die oben erwähnte Frau, die wir weinend auf der Straße antrafen. Erst mochte sie nichts sagen. Aber dann öffnete sie sich doch. Erzählte, dass es ihr nicht gutgehe, sie fertig sei, eine Therapie bräuchte. Aber das sei gar nicht so wichtig. Am meisten mache sie sich Sorgen um andere. Zum Beispiel um eine Bekannte. Eine junge, ausgemergelte, alkoholkranke Frau, die Angst habe, schwanger zu sein. „Wenn das stimmt, wie soll das gehen, mit Wodka und auf der Straße?“

    Noch wisse die Bekannte es nicht sicher. Was aber sicher sei: „Schwanger oder nicht, sie braucht Hilfe, um ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. Und ich auch.“

    Genauso ein „Griff“, wollen wir, will die RELING sein. Ein Griff mit Namen Empathie, der verlässlich da ist. Der so lange hält und der so lange stützt wie nötig. Der Kraft und Zuversicht mit auf den Weg gibt. Ein Griff, bei dem jeder bei Bedarf zupacken kann.

    Audrey Hepburn hat mal gesagt: „Je reifer wir werden, desto mehr verstehen wir, dass wir zwei Hände haben: Eine, um uns selbst zu helfen, und eine andere, um anderen zu helfen.“ Aber manchmal muss man auch beide Hände ausstrecken.

    Maren Albertsen

    Symbolbild / Quelle: NHH_auf_Winternotprogramm.jpeg (948×474) (taz.de)

  • „Fishing for Compliments“

    „Fishing for Compliments“

    Das machten wir am 1. März ganz im wörtlichen Sinne. Schließlich ist an diesem Datum der Welt-Komplimente-Tag. Und so hielten wir für unsere Gäste eine kleine Überraschung bereit: Ein Tütchen voll bunter Spickzettel mit handgeschriebenen mutmachenden und anerkennenden Sätzen. Wer wollte, bekam sein persönliches Kompliment herausgefischt und vorgelesen. „Du bis wertvoll“, hieß es dann. Oder auch: „Mach dich nicht klein – in dir steckt Großes.“ Manche Augenpaare strahlten daraufhin mit der Sonne um die Wette: Das schönste Kompliment für uns!

    Häufig hörten wir zusätzlich ein freundliches Danke für das „süße Extra“. Dieses Extra war für viele auch dringend nötig. Denn: „Die Pandemie hat für uns jetzt schon sooo lange nur Saures zu bieten“, wie ein Besucher kommentierte.

    Rund zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass der erste Corona-Fall in Deutschland bekannt wurde. Welch starke Auswirkungen die Pandemie bis heute haben würde – wohl keiner von uns hätte damit gerechnet. Die ersten Maskenträger wurden noch misstrauisch beäugt, heute ist der Anblick für uns völlig normal. „Ich weiß gar nicht, wie du ohne aussiehst“, witzeln wir manchmal. Dabei ist das doch eigentlich traurig.

    „Kann Corona nicht endlich vorbei sein?“, fragte ein Gast neulich. Nicht wütend, nur noch resigniert. „Ich hab´ so kein Bock mehr.“ Verständlich. Dazu die neuen Ängste, Unsicherheiten: Krieg! Quasi in unserer Nachbarschaft. Schreckensmeldungen und Schreckensbilder am laufenden Band. Unfassbar, unwirklich – und leider doch so schmerzhaft war. Das belastet, das raubt Zuversicht.

    Wie muss es in dieser Situation all denjenigen ohne ein Zuhause gehen? Ohne einen ruhigen, sicheren Ort, an dem sie Kraft tanken und an dem sie in Gemeinschaft trotz allem wieder nach vorne blicken können? Wir können es nur erahnen. Und versuchen im Alltag zu helfen, so gut es geht.

    So wie dem Besucher, den wir kürzlich bei der Straßensozialarbeit trafen und der uns nach einem Windlicht fragte. Ein Windlicht? Jetzt, wo es Frühling wird? „Ja“, flüsterte der junge Mann, „So eins nehme ich für meine Schwester mit, wenn ich sie demnächst besuche.“ Pause. „Auf dem Friedhof.“

    Schluck. Das ist dann wieder so ein Moment… Da ist es egal, wie sehr die Sonne scheint. Das Herz friert. Denn was hilft, wenn jemand einen geliebten Menschen verloren hat? Was kann man tun und sagen? Nicht viel. Aber man kann da sein. Und zuhören. So erzählte uns der Mann, wie seine jüngere Schwester bei einem Unfall ums Leben kam, da war sie gerade 14. Er selbst sei Zeuge gewesen, hielt seine Schwester in den Armen, als sie starb. „Sowas kriegst du nicht aus dem Kopf, auch wenn es lange her ist. Das bleibt.“

    Ja, sowas bleibt. Und es ist verständlich, dass so eine Erfahrung einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Bewundernswert, wenn man sich trotzdem aufrappelt und Ziele setzt. „Ich bekomme hoffentlich bald ein festes Zimmer in einer Wohnunterkunft“, berichtete er weiter. „Dann möchte ich eine Ausbildung als Berufskraftfahrer anfangen.“ Kurzes zögern. „Wenn ich das schaffe.“

    Es war wahrscheinlich nur Zufall, welchen Zettel wir nach diesen Selbstzweifeln aus dem Komplimente-Beutel für ihn fischten: „Du bist ein Kämpfer – du schaffst das.“ 

    Maren Albertsen

    Symbolbild / Quelle: homelessness-vic-metro-au-1024×683.jpg (1024×683) (hopeaustralia.com.au)

  • Nichts als Worte

    Nichts als Worte

    Und doch so machtvoll! In ihrem Fall hätte sogar ein einziges Wort genügt. Ein klitzekleines nur. Wir hatten es so gehofft. Dass die Frau, die wir bei unserer Straßensozialarbeit antrafen, „Ja“ sagen würde. „Ja“, in dem Moment, als wir auf ihren Wunsch hin bei der Notaufnahme der Frauenhäuser anriefen – und die Ansprechpartnerin am anderen Ende fragte, ob sie abgeholt werden wolle. Abgeholt, um in Sicherheit gebracht zu werden. „Bitte sag ja!“, hofften wir in Gedanken. Aber sie sagte nichts.

    Für das entscheidende Wort fehlte ihr letztlich der Mut. Andere Worte hatten ihr diesen Mut genommen. Erniedrigende Worte, die sie in einem plötzlichen Stimmungswechsel nun gegen uns richtete.

    Nicht einfach, so etwas auszuhalten. Dass man helfen möchte, die Hilfe aber nicht angenommen wird. (Noch) Nicht angenommen werden kann. Auszuhalten, wie viel jemand zu ertragen bereit ist, um nicht allein zu sein. Um die Illusion von Liebe, einer „guten“ Beziehung aufrechtzuerhalten. Was dann bleibt? Ein Leben auf der Straße, das nicht viel mehr ist als ein Überleben. Gewalt, physisch und psychisch. Und Wodka, viel Wodka als Trost.

    „Er macht mich kaputt“, hatte die Frau zuvor über ihren Freund erzählt, „er redet mich kaputt.“ Und wie soll man auch heil bleiben, wenn einem immer wieder gesagt wird, man sei wertlos, würdelos, zu nichts nütze?

    Da nützt es nichts, sich zu sagen: Das sind nur Worte. Denn die gehen direkt hinein – in die Seele. Und setzen sich dort fest. Bis sie irgendwann ausbrechen – und genauso verletzend zurückgeworfen werden.

    Umso wichtiger für uns, sich immer wieder bewusst zu machen, was Worte bewirken können. Was sie in anderen auslösen, wie sie andere kleinmachen können.

    Oder im besten Fall: Jemanden ein bisschen aufbauen können. So wie andere Gäste, die zu uns kommen. Die aus den unterschiedlichsten Gründen gerade mutlos, ratlos, perspektivlos sind. Die umso dankbarer sind, wenn wir gut zuhören – und gut mit ihnen reden. Wenn wir Worte „verteilen“, die Kraft und Zuversicht geben.

    Dass unsere Besucher teilweise nur gebrochen oder gar kein Deutsch sprechen, ist dabei nebensächlich. Verständnis funktioniert auch, ohne sich zu verstehen: Wenn man sich auf sein Gegenüber wirklich einlässt, findet man automatisch die „richtigen“ Worte, denn sie kommen von Herzen.

    Genauso wichtig: Für eine Begegnung auf Augenhöhe, müssen sich Augen schon begegnen. Müssen wir uns Zeit nehmen auch für Blicke, für Gesten.  Nur so können wir bei unseren Mitmenschen, die gefühlt in einer „Eiszeit“ feststecken, das Eis brechen. Manchmal reicht dafür schon ein Lächeln, manchmal ein ermunterndes „Wie können wir dir helfen?“. Und wenn man nicht helfen kann, kann man sich trotzdem weiter begegnen. Gemeinsam aushalten. Mit Worten Gutes tun, auf den anderen achtgeben.

    So wie wir auf die oben erwähnte Frau. Unsere Hand bleibt weiter ausgestreckt. Bis sie irgendwann vielleicht zugreift. Und das entscheidende Wort sagt.

    Maren Albertsen

    Symbolbild / Quelle: feuer_reeperbahn_bela-806×392.jpg (806×392) (hinzundkunzt.de)

  • „99 Problems“

    „99 Problems“

    So stand es auf seiner Mütze. Tief zog unser Besucher sie neulich ins Gesicht, Wärme suchend, während Sturmböen samt Schauern über Hamburg hinwegfegten. „99 Problems“.

    „Passt zu mir, oder?“, fragte er augenzwinkernd. „Weil du so viele Probleme hast – oder weil du so viele machst?“, fragten wir augenzwinkernd zurück. Und bekamen als Antwort: Stille. Zögern. Überlegen. Schließlich, selbstkritisch: „Ich glaube, das lässt sich nicht immer trennen.“

    Nein, sicherlich nicht. Verhältnisse und Verhalten – oft bedingt es sich gegenseitig. Wenn die wichtigsten, die lebenswichtigsten Bedürfnisse und Bedarfe kaum gedeckt sind, wenn das Leben „halt einfach blöd zu einem ist“ – dann „bin ich halt manchmal auch blöd zum Leben.“ Ein Kreislauf, in dem viele unserer Gäste feststecken.

    Ein Kreislauf, der nicht leicht zu durchbrechen ist. Erst recht nicht allein. Umso wichtiger für uns, dass die RELING ihrem Namen gerecht wird. Dass sie Halt bietet, dass Besucher*innen sich an ihr festhalten und Kraft tanken können. Dass dabei Zeit und Raum für Gespräche bleibt. Fürs Hinschauen und Hinhören, fürs Vermitteln und Verweisen, fürs Aufpassen und Aufhelfen. Für ein Füreinander und Miteinander.

    Wertvolle Erfahrungen, die uns alle bereichern – Gäste genauso wie Mitarbeiter*innen. Was uns besonders freut, nach rund einem Dreivierteljahr RELING: Dass immer mehr Besucher*innen nicht „nur“ zu uns kommen, weil sie „Problems“ haben und Unterstützung benötigen. Sondern auch, weil sie uns als vertrauenswürdig empfinden, als Vertraute. So soll es sein: Vertrauen schenken, Vertrauen erhalten. Noch ein Kreislauf – aber einer, in dem wir gerne feststecken.

    Zu uns kommen Menschen mit den verschiedensten Anliegen. Sie alle sind reich an Erfahrungen und Erlebnissen, an Fähigkeiten und Potenzialen. Sie bringen ihre Geschichten mit, lassen uns eintauchen in ihre Wirklichkeit, ihre Wahrheiten – manchmal auch ihren Wahn. Nein, das ist nicht immer einfach. Vor allem dann nicht, wenn viele Emotionen im Spiel sind.

    Umso wichtiger für uns als Mitarbeiter*innen, dass wir uns immer wieder zentrieren und uns unserer eigenen Gefühle und Reaktionen bewusst sind. Der britische Psychologe und Psychotherapeut John Heron nennt in diesem Zusammenhang die hilfreichen Formeln „Be here now“ und „Be there now“: Nur wer ganz „hier“ (bei sich selbst) ist, kann auch ganz (bei anderen und für andere) „da“ sein. 

    Und genau das wollen wir ja: Für andere da sein, sie beachten und achten. In ihrem „So-Sein“, in ihrer individuell eingerichteten (Lebens-)Welt. Sie machen diesen großen Schritt auf uns zu, öffnen sich und lassen uns teilhaben – und wünschen sich auch vor allem das: Teilhabe.

    Da kann übrigens jeder von uns etwas zu beitragen, denn jeder kann ein bisschen Wertschätzung und Wärme abgeben. An die Menschen, die gerade besonders frieren – selbst, wenn sie so eine Mütze wie unser Besucher tragen… Denn die Probleme, diese 99 Probleme „die machen einen von innen kalt“, wie er uns erklärte. „Aber keine Sorge“, erzählte er lachend weiter und straffte die Schultern, „gestern stand da noch „100 Problems“ – ich bin also auf einem guten Weg.“

    Ein Weg, den du nicht allein gehen musst. Wir sind da.

    Maren Albertsen

    Symbolbild / Quelle: loneliness-picture-id468460382 (612×408) (istockphoto.com)

  • Der schönste Lärm

    Der schönste Lärm

    Kurz: Es war der Brüller! Tatsächlich mussten wir uns neulich in der RELING das ein und andere Mal anschreien. Das meinten wir aber nicht böse. Und unsere Gäste auch nicht. Ohne stimmenmäßig ein paar Dezibel draufzulegen ging es einfach nicht – denn an der Baustelle direkt neben unserem Büro wurde fleißig gebaggert, gebohrt und pressluftgehämmert. Da liefen die Begrüßungs-Dialoge an der Tür in etwa so ab: „Hallo, schön, dass du da bist. Hast du Durst?“ „Ah, toll, heute gibt’s bei euch Wurst?“

    Und dann: gemeinsames, befreites Lachen. So wertvoll! Das weiß auch eine ältere Stamm-Besucherin, die uns mit ihrer herrlichen Selbstironie immer wieder bezaubert. Was denn passiert sei, fragten wir einmal besorgt, als sie mit verbundenem Zeigefinger zu uns kam. „Na was wohl?“, lautete ihr trockener Kommentar, „ich habe zu tief in der Nase gebohrt!“

    Ein anderes Mal rief sie schon von Weitem fröhlich „Hallooo meine Kinder“, als sie sich durch Pfützen und Schlaglöcher mit ihrem Rollator zu uns kämpfte. „Ich habe sooolche Rückenschmerzen, wisst ihr woher?“ Wussten wir natürlich nicht. „Ist doch klar“, meinte sie verschmitzt, „ich habe zu viel getanzt!“

    Aber zu viel – geht das überhaupt?  Tanzen wir doch einfach mal weiter. Durch Pfützen und Hindernisse, Schwierigkeiten und Sorgen. Wir in der RELING sind jedenfalls dankbar dafür, dass wir mit unseren Besuchern manchmal „nur“ wunderbar miteinander lachen können.

    So wie mit dem Gast, der auf die Frage, ob er einen Bonbon haben wolle, antwortete: „Nee lass mal, ich kann nicht gut beißen.“ „Du sollst auch nicht beißen, du sollst lutschen!“ „Ah okay, lutschen kann ich.“ Danke für das Kopfkino! Ähm, und irgendwie passend, dass kurz darauf ein Besucher mit offenem Hosenstall an die Tür trat… Grinsend wurde er von uns vor die Wahl gestellt: „Entweder du machst deine zu – oder wir lassen hier gleich alle die Hosen runter.“ Spoiler: Er traf die richtige Entscheidung.

    Bewahren wir uns doch diese Leichtigkeit. Schauen wir uns das von unseren Gästen ab. Von Menschen, denen wir größten Respekt dafür zollen, dass und wie sie trotz widriger Umstände ihr Leben bewältigen, sich nicht unterkriegen lassen. Wie sie sich ihren Witz und ihre Schlagfertigkeit bewahren, dieses „Trotzdem-Lächeln“. Selbst bei 6 Grad und strömendem Regen. So saß er da, ein junger Mann im Rollstuhl, den wir während unserer Straßensozialarbeit regelmäßig treffen. Nur leichtbekleidet, komplett durchnässt. Saß da klaglos, währen Passanten um ihn herum fluchend ihre Schirme aufspannten. Und lächelte.

    Lächelte uns an, lächelte Richtung Himmel und rief: „Ey Petrus, kannst den Wasserhahn wieder zudrehen. Reicht jetzt.“ Stattdessen drehte Petrus nochmal richtig auf. Und der junge Mann? Lachte nur umso lauter. „Da orientiere ich mich an Karl Valentin“, erklärte er später. Der sagte mal: „Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

    Wie wahr. Wie klug. Also ruhig nochmal ordentlich aufdrehen: Lachen ist der schönste Lärm!

    Maren Albertsen

    Symbolbild / Quelle: 192913859_9c599bbb8f_b.jpg (1024×677) (staticflickr.com)

  • Im Einklang

    Im Einklang

    Schritt halten. Oft gar nicht so leicht. Wir kommen ja alle als Neulinge in diese Welt – und müssen uns erstmal ans Tempo gewöhnen, das uns umgibt. Doch dafür bleibt selten Zeit. Stattdessen heißt es: Zack zack, lauf mit, optimier dich, bleib flexibel, fit, angepasst – gerade zum Jahresanfang, wenn überall von guten Vorsätzen die Rede ist.

    Aber wenn man das nicht packt? Wenn man mal nicht Schritt halten kann? Dann verliert man ganz schnell den Anschluss. Vor allem kommt man auch ganz schnell ins Stolpern. Da reicht schon ein Stein, der einem in den Weg gelegt wird, ein Hindernis, ein Verlust, eine Krise. Und wenn da dann keiner ist? Kein soziales Netz, das einen auffängt, kein Mensch, der einen hält, der einem wieder aufhilft – puh, wie kommt man dann wieder hoch?

    Wieviel Kraft wohl dazu gehört, wieviel Mut? Wir können es nur erahnen. Umso bereichernder für uns in der RELING, wenn wir dieses Aufrappeln ein Stück weit begleiten dürfen. Mal anstupsend, mal stützend – und manchmal auch einfach als „Da-Seiende“. Damit Gäste, die aus dem Tritt gekommen sind, wieder Fuß fassen. Und ihren Rhythmus (wieder) finden.

    So wie einer unser Besucher aus Polen. Überschwänglich vor Freude grüßte er uns kurz vor Jahresende bei der Straßensozialarbeit. Ja, er habe die Nummer, die wir ihm von der Beratungsstelle „Plata“ gegeben haben, neulich selbstständig angerufen (und sich so über Hilfsmöglichkeiten für Bürger*innen aus Osteuropa informiert). Diesen Vormittag habe er übrigens bei einer Baufirma zur Probe gearbeitet, was sehr gut lief, also… „Läuft, oder? Das neue Jahr kann kommen!“

    Oh ja, das sieht so aus. Das sieht gut aus, dabei sah es eigentlich gar nicht gut aus: Aus der Bahn geworfen, wohnungslos, arbeitslos. Aber er kämpft sich zurück. Angetrieben vom Willen zur Veränderung, Verbesserung. Und uns? Uns braucht er auf seinem Weg nun fast gar nicht (mehr). Was für ein schönes Geschenk!

    Eine Aufgabe, eine feste Struktur, ein Gefühl der Zugehörigkeit – wie sehr das helfen kann, nicht vom Kurs abzukommen. Wie sehr wir das auch unseren anderen Besucher*innen wünschen. Von denen viele besonders zur Weihnachtszeit strauchelten. Von denen manche ewig brauchen, um weiterzukommen. Von denen einige falsch abbiegen – aber von denen hoffentlich keiner aufgibt.

    Und vielleicht ist das ja der Rhythmus, in dem es funktioniert – gerade jetzt, als Neustart zum  Jahresanfang: Kleine Ziele setzen. Schritt halten. Und dann, wahrscheinlich: hinfallen. Trauern, ärgern, akzeptieren. Aufstehen, weitergehen. Wieder hinfallen. Wieder aufstehen. Jeder in seinem eigenen Tempo, mit sich selbst im Einklang. Denn schneller heißt nicht besser, nicht glücklicher. Sondern einfach nur schneller.

    Maren Albertsen

    Symbolbild / Quelle: homeless_man_new_york_rtr_img-1024×645-1.jpg (1024×645) (newyorkaktuell.nyc)

  • Abgrenzen, nie ausgrenzen

    Abgrenzen, nie ausgrenzen

     „Es ist so schwer“, sagte er. Schulternzuckend, als wollte er den Satz damit abtun. Aber dann schaute der junge Mann uns an, suchte unseren Blick und seine Augen zeigten nur eins: Traurigkeit. Ein kurzer Moment, in dem seine Fassade bröckelte und er uns eine einfache Wahrheit gestand: „Es ist so schwer.“

    Okay, genau so hat er es nicht gesagt, bei ihm hieß es „f*cking hard“, und das ist es ja auch: Verdammt schwer, vom Alkohol loszukommen. Auf der Straße, ohne sozialen Halt, wenn nur der Wodka dich hält – bis er dich eben nicht mehr hält, sondern dir den Boden unter den Füßen wegzieht. Wortwörtlich. So dass du mit dem Gesicht drauf landest.

    Platzwunden, von der Stirn bis zum Kinn, dick mit Schorf überzogen. So besuchte er uns neulich in der RELING. Was passiert sei, wollten wir wissen. Und ahnten es schon: Getrunken, viel zu viel getrunken, epileptischen Anfall gehabt, gestürzt.

    „Ich weiß, ich muss damit aufhören“, sagte er. „Ich weiß das. Aber ich schaffe das nicht. Weil da sonst nichts ist.“ Keine Aufgabe, keine Perspektive, kein Zuhause. Was leider für viele unserer Besucher gilt. Und was ihnen gerade zur Weihnachtszeit besonders zu schaffen macht.

    Umso dankbarer sind wir für jeden der an (bzw. in) der RELING Halt sucht, der uns vertraut, sich uns anvertraut. Deshalb freuen wir uns auch immer, wenn genügend Zeit für Gespräche bleibt. Beziehungsweise Zeit fürs Zuhören, aufs Eingehen, aufs Verstehen. Zeit für Empathie – manchmal ist das ja der wichtigste Part.

    Dann, wenn ein Besucher verzweifelt berichtet, dass ihm sein Hund weggelaufen sei: „Ich hab den erst vor ein paar Tagen bekommen und hab noch keine Papiere – den kriege ich doch nie wieder!“ Dann, wenn vom Überlebenskampf auf der Straße berichtet wird, vom Beklautwerden, von Schlägereien, vom Alleinsein – also dem Alltag. Dann, wenn man buchstäblich zusehen kann, wie eine Person zugrunde geht, immer weniger wird. Die aber, und das ist dann auch für uns so „f*cking hard“, (noch) keine Hilfe akzeptieren und annehmen will. Oder nicht kann, vielleicht beides.

    Verdammt schwer ist das. Erst recht, wenn da jemand ist, zu dem man eine Beziehung aufgebaut hat.  Denn es ist in der Sozialen Arbeit ja immer so ein Balance-Akt: Nähe zulassen, ohne zu nah zu werden. Abgrenzen, ohne auszugrenzen. Einfühlen, ohne sich eins zu fühlen.  

    Eine tägliche Herausforderung für uns in der RELING. Wie in der Begegnung mit einer älteren Obdachlosen, von der wir wissen, dass ihre Lebenssituation sie „kaputt“ macht, psychisch und physisch. Die das auch selbst weiß, und die trotzdem bislang nicht über den ersten Schritt hinauskommt: den zu uns. Beim letzten Besuch setzte sie sich aufrecht hin, machte sich groß, immerhin. „Alles okay, Baby!“, schmetterte sie uns entgegen, kraftvoll. Aber ihr Blick sagte etwas ganz anderes.

    Es ist so schwer. Auch, sich immer wieder was vorzumachen. Bröckelnde Fassade. Noch hält sie. Und wenn sie bricht? Wir werden da sein. Dafür sind wir da.

    Maren Albertsen

    Symbolbild / Quelle: supervision_crop_1000px.jpg (1000×667) (birgittrepke.de)

  • Advent, Advent…

    Advent, Advent…

    Ein Blick ins Licht. Leider kein Lichtblick.

    Nun brennt sie also – die erste Kerze auf dem Adventskranz. Eigentlich ein Zeichen der Vorfreude, der Hoffnung.  Aber für uns in der RELING ist sie auch Mahnung, Erinnerung, ein flammendes „Jeder Einzelne ist einer zu viel!“

    Mindestens 29 Obdachlose sind in diesem Jahr auf Hamburgs Straßen gestorben, wie „Hinz&Kunzt“ Mitte November berichtete. Weitere 17 Obdachlose starben im selben Zeitraum in Hamburgs Krankenhäusern. Nicht zu vergessen die vielen, viel zu vielen Wohnungslosen der Stadt, die dieses Jahr verstorben sind. Zählt man sie hinzu, steht da plötzlich eine erschreckende Zahl im Raum: 125.

    125 tote Obdach- und Wohnungslose. Allein in diesem Jahr. In Hamburg.

    Unfassbar!

    Eine unfassbare Zahl. Aber eben keine Zahl. Es geht hier um Menschen. Menschen, oft allein gelassen im Leben – und auch allein gelassen im Sterben.

    Vor ein paar Tagen hat die Ampel-Koalition verkündet, dass sie die Obdachlosigkeit in Deutschland bis 2030 mit einem „Nationalen Aktionsplan“ überwinden will. Jetzt müssen Worten endlich Taten folgen. Taten, auf die 125 Menschen in Hamburg dieses Jahr vergeblich gewartet haben. Für sie wurde am Totensonntag ein bewegender Gedenkgottesdienst in der St. Bonifatius-Kirche in Hamburg veranstaltet.

    Die Namen der Verstorbenen wurden vorgelesen, es wurden Kerzen angezündet. Blicke ins Licht, in der Hoffnung auf kleine Lichtblicke. Gemeinsam Zeichen setzen im Sinne von „Ihr seid nicht vergessen“, Zeichen setzen im Sinne von „Ihr wart und seid wertvoll.“

    So wertvoll, wie für uns auch die Menschen sind, die uns in der RELING besuchen und denen wir während unserer Straßensozialarbeit begegnen. Alle. Jeder einzelne von ihnen. Der Gast, der sich bei uns ab und zu „den nötigen Stups“ abholt, um sein Leben dann wieder einige Zeit selbständig „auf die Kette zu kriegen“, genauso wie der Besucher, der immer wieder denselben „Endlos-Monolog“ abspult – und gar keine Beratung möchte, sondern sich einfach „nur“ gesehen, gehört und verstanden fühlen will.

    Der ältere Obdachlose, der uns jedes Mal freudestrahlend und mit „ner mega-krassen Story“ begrüßt, wenn wir ihn in der City antreffen, genauso wie die neue Klientin, alkoholkrank, die nach „Jahren des Selbstbelügens“ zum ersten Mal genügend Mut aufbrachte, den entscheidenden Satz zu sagen: „Ich brauche Hilfe.“

    Sie alle sind wunderbar, wandelbar. Einzigartig, eigensinnig.

    Umso wichtiger, dass wir alle dafür einen Sinn beziehungsweise das im Sinn haben. Umso wichtiger, nicht zu vergessen. Sondern sich zu erinnern, dass da draußen Menschen sind, auf der Straße. Die Unterstützung brauchen. Die dort leben. Die leider nicht immer überleben. Lassen wir für sie die Kerze brennen – nicht nur in der Adventszeit.

    Ein Blick ins Licht. Ein kleiner Lichtblick.

    Autorin: Maren Albertsen

    Symbolbild/Quelle: Mahnwache_BELA-806×392.jpg (806×392) (hinzundkunzt.de)
  • Gute Frage(n)

    Gute Frage(n)

    „Wie geht’s dir?“ zum Beispiel. Eine simple Floskel. Oft nur so dahingesagt, oft ohne Erwartung einer ehrlichen Antwort. Im Alltag wollen wir manchmal gar keine. Eine ausführlichere erst recht nicht…

    Aber „Wie geht’s dir?“ kann auch ein Türöffner sein. Eine Brücke, um an Bord zu kommen. Wie hier in der RELING, wenn wir auf diese Weise unsere Gäste begrüßen. Wenn wir das ganz bewusst tun, als ernst gemeintes Interesse, als Einladung zu einem vertrauensvollen Gespräch.

    In so einem Moment steckt ganz viel in der Frage: wichtige Wachsamkeit (im Sinne von Aufmerksamkeit), wertfreies „Wissen-Wollen“ (um die aktuelle Lebenslage unserer Besucher*innen), wirkliche Wertschätzung (im Sinne von Akzeptanz und Empathie). 

    Natürlich ist es total okay, wenn wir als Antwort nur ein Achselzucken erhalten, ein „gut“, „schlecht“ oder „muss ja“. Aber wir haben durch die Frage gezeigt: Unser Ohr ist offen – wem etwas auf der Seele liegt, kann das mit uns teilen. Was auch heißt: Unsere Hand ist ausgestreckt – wer Halt braucht, kann einfach zugreifen.

    Apropos brauchen: „Was brauchst du?“ Noch so eine simple Frage. Aber genauso wichtig, gerade in der Sozialen Arbeit. Nicht „Was willst du?“ oder „Was hättest du denn gern?“, sondern „Was brauchst du?“ – im Sinne von: „Was benötigst du wirklich?“

    Das macht deutlich: Es geht nicht um unerfüllbare Wünsche, es geht nicht um unangemessene Ansprüche. Es geht um die tatsächlichen Bedürfnisse und Bedarfe unserer Gäste. Um ihre Rechte und um das, was ihnen zusteht. Darum, was ihr konkretes Anliegen ist – und wie wir ihnen dabei helfen, wie wir sie individuell unterstützen können.

    Denn so viel wir uns auch anlesen, so gut unser theoretischer Hintergrund ist: Jede Situation, jede Begegnung mit unseren Besucher*innen ist im besten Sinne des Wortes einzigartig. Es gibt deshalb (zum Glück) kein Schema F, keinen Handlungskatalog, der unveränderlich gilt.

    Was also tun? Diese Unsicherheit akzeptieren. Ganz genau hinhören, was unsere Gäste als ihr Anliegen nennen. Und anerkennen, dass nur sie selbst die Expert*innen ihres Alltags sind. Dass wir keinesfalls für sie (oder gar über sie hinweg) entscheiden können (und dürfen) – sondern dass wir immer gemeinsam an der für sie passend(st)en Lösung arbeiten. Hin zu einer selbstständigen, geglückten (und damit auch beglückenden) Lebensführung.

    Und dabei nie die simplen Fragen vergessen, die diesen Hilfeprozess meist so simpel ins Rollen bringen: „Wie geht’s dir?“ und „Was brauchst du?“

    Symbolbild/Quelle: Copy-of-02_BLOG_Featured-Image-5-1.jpg (1000×666) (govolunteer.com)

  • Aber eins bleibt: Hoffnung

    Aber eins bleibt: Hoffnung

    Jedem Ende wohnt ein Zauber inne. Oder wie heißt es noch bei Hesse? Gut, da ist vom Anfang die Rede. Und dessen Zauber. Aber manchmal birgt auch ein Ende etwas Magie in sich. Und die Chance, zu einem Anfang zu werden. Einem Neuanfang.

    So wie bei dem jungen Mann, den wir regelmäßig während unserer Straßensozialarbeit in der Nähe des Hauptbahnhofes treffen. Als wir ihn vor mehreren Wochen zum ersten Mal ansprachen, war er am Ende. Und dort saß er auch. Am Ende einer Mauer gegen die Wand gekauert, leerer Blick, heruntergekommen, das ganze Gesicht: Trauer.

    Verzweifelt erzählte er uns vom Tod seines Hundes. Seines geliebten Hundes, der viel mehr für ihn war als „bester Freund“: „Er war der einzige, der nicht über mich geurteilt hat, der mich nicht verurteilt hat. Er hat mich geliebt. So, wie ich bin.“ Doch nun war sein einziger Verbündeter gestorben. Krebs. Ende. „Er ist jetzt im Himmel. Da will ich auch hin. Dort sehe ich ihn wieder.“

    Das sind Momente, in denen Sprache versagt. In denen „wird schon wieder“, nicht hilft. Wo aber scheinbar banale Dinge helfen: Da sein. Zuhören. Eine Hand reichen. Empathie zeigen. Signalisieren: „Du bist nicht allein. Du bist wichtig, du bist wertvoll.“

    Und so gingen wir weiterhin auf ihn zu. Dankbar, dass er dies zuließ. Dass er sich nicht völlig zurückzog in seiner Trauer. Dass er uns vertraute, sich uns anvertraute. Kleine Schritte, manchmal klitzeklein. Aber so wichtig, um das Ende nicht gewinnen zu lassen.

    Und tatsächlich, nach und nach: In sein Gesicht kam wieder Leben, seine Haltung wurde aufrechter. Er erhielt Zuspruch, nicht nur von uns, sondern auch von anderen Obdachlosen. Er fand die Kraft, selbst wieder auf andere zuzugehen. Um Unterstützung zu bitten. Anträge für Grundsicherung auszufüllen. Neue Struktur in sein Leben zu bringen, was er vorher für seinen Hund „ganz automatisch“ gemacht hatte.

    Einige Wochen sahen wir ihn nicht. Machten uns Sorgen. Doch wieder ein Rückfall? Ins Ende? Nein, Im Gegenteil. Denn als wir ihn nun vor kurzem wieder antrafen, strahlte er uns schon vor weitem an. Erzählte von einem neuen Hund, den er, vermittelt über eine Bekannte bald bekommen würde. Und erzählte uns von Liebe. Vom Verliebtsein „in die tollste Frau“. Und baldigem Zusammenziehen „mit meinem Schatzi.“

    Das sind auch Momente, in denen Sprache versagt. In denen „oh, wie schön“, nicht ausreicht. Nicht ausreicht, um das Mitfreuen auszudrücken. Und um die Anerkennung auszudrücken, dass er diesen Weg für sich gewählt hat. Mit ein bisschen Hilfe zur Selbsthilfe. Weg vom Ende, hin zum Neuanfang.

    Einem Neuanfang, dem ein Zauber innewohnt.

    Maren Albetsen

    Symbolbild/Quelle: dandelion-4886946_960_720.jpg (960×720) (pixabay.com)

  • Von Menschen und (Un)Menschlichkeit

    Von Menschen und (Un)Menschlichkeit

    Es war dieser eine Satz. Unser Gast sagte ihn am Ende unseres kleinen Klönschnacks vorm Gebäude der RELING. Er sagte ihn zweifelnd, tief verunsichert: „Ich bin doch ein Mensch, oder?“ Ein Satz, der bei uns, der RELING-Crew, hängenblieb. „Ja“, erwiderten wir sofort. Klar und deutlich. Aber so klar ist es eben offensichtlich nicht. Nicht für jeden. Denn nicht jeder hat sie verinnerlicht – diese simple, dafür umso wichtigere Wahrheit, die unser Leben erst zu einem Zusammenleben macht: Wir sind alle Menschen. Jeder einzelne von uns ist ein Mensch. Wir alle werden geboren mit der gleichen Würde. Einer unantastbaren Würde. Und doch erfahren unsere Besucher*innen immer wieder, wie ihre Würde angetastet wird, wie sie würdelos behandelt werden.

    „Geh doch arbeiten“ – das sei noch die harmloseste Bemerkung von Passanten, wenn er sie höflich um ein paar Cent bitte, so unser Gast. „Ich sage dann immer: Gerne. Sofort. Haben Sie denn Arbeit für mich?“

    „Du bist selbst Schuld an deiner Situation“, „Du bist halt faul, ein Schmarotzer“, „Wer auf der Straße lebt, will das so“, „Wer Drogen nimmt, hat sich einfach nicht im Griff“ – solchen Vorurteilen begegnen unsere Gäste leider immer wieder.

    Wir beraten und begleiten in der RELING Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen Schwierigkeiten haben, ihr Leben in ihrem Sinne zufriedenstellend zu bewältigen. Es sind Obdachlose dabei, Suchtkranke, Arbeitslose, psychisch Kranke. Menschen, die nur einmalig Unterstützung benötigen genauso wie Stamm-Besucher, die zwischendurch mal auf einen Kaffee und ein kurzes Gespräch vorbeischauen. Sie alle wollen (und sollen) wahrgenommen, gesehen und gehört werden. Auf Augenhöhe.

    Denn: Unsere Gäste sind alle Menschen. Sie alle sind reich an Erfahrungen und Erlebnissen, reich an Fähigkeiten und Potenzialen. Sie bringen ihre Geschichten mit, lassen uns teilhaben – und wünschen sich umgekehrt meist auch vor allem das: Teilhabe. Etwas, das ihnen verwehrt wird, wenn sie von anderen beleidigt, stigmatisiert und respektlos behandelt werden.

    Dabei erwarten unsere Besucher*innen von ihren Mitmenschen meist gar nicht viel. „Nur ein bisschen Mitmenschlichkeit“, so unser Gast. Das muss nicht mal ein freundliches „Hallo, wie geht es dir?“ sein. „Mir reicht es schon, wenn jemand mir mal zunickt, mich anlächelt.“ Ein kleines, aber wertvolles Zeichen der Wertschätzung. Das Schlimmste, so unser Gast, sei deshalb für ihn, „wenn Passanten mich komplett ignorieren, wenn sie absichtlich wegschauen, mich ausgrenzen. Wenn sie so tun, als gäbe es mich nicht.“

    Das seien die Momente, in denen diese Frage auftauche. Die Frage nach Zugehörigkeit in dieser Stadt, in dieser Welt. Die Frage, ob man ein Mensch sei. Und wenn man darauf kein klares Ja hört? Was macht das mit einem? „Das ist ein Schmerz – den kriegt man aus dem Herzen nicht mehr raus.“

    Maren Albertsen

    Symbolbild/Quelle: read-picture-id140382186 (612×438) (istockphoto.com)

  • Warum RELING?

    Warum Reling?

    Eine Reling gibt Halt. Aber sie hält nicht fest. Sie bietet Schutz, wenn man ihn braucht. Aber sie beschwert einen nicht, zieht einen nicht runter. Man hat immer die Wahl: zugreifen – oder nicht. Zugreifen – und wieder loslassen.

    Das Fundament unserer RELING: Akzeptanz, Vertrauen, Neugier

    Drei Worte, die über allem stehen. Und gleichzeitig die Basis sind. Sie stehen für eine Grundhaltung in der Sozialen Arbeit. Und begleiten uns an jedem Arbeitstag.

    Akzeptanz – als bedingungslose Anerkennung unserer Gäste in ihrem „So-Sein“. In ihrem Eigensinn und ihrer Erwartungshaltung, ihrem Witz und ihrer Warmherzigkeit, ihrer Härte und ihrer Hartnäckigkeit. Alle Besucher*innen haben ihre Würde, die nicht antastbar ist. Was für uns daraus als Selbstverständlichkeit folgt? Eine Begegnung auf Augenhöhe, mit Respekt und Wertschätzung.

    Vertrauen – als unbeirrbarer Glaube daran, dass in jeder Situation die Chance zu einer Veränderung liegt. Zu einem ersten Schritt, zum Segel setzen Richtung Neuanfang. Vertrauen darin, dass unsere Haltung dazu beiträgt, dass auch unsere Gäste lernen zu vertrauen – und daraus neue Kraft schöpfen. Unsere Hand (bzw. unsere RELING) ist ausgestreckt. Jede*r ist willkommen „zuzugreifen“ und um unsere Hilfe zu bitten. 

    Vertrauen auch in uns als Team untereinander. Dass wir uns gegenseitig stützen und unterstützen, während unserer Arbeit aufeinander achtgeben. Vertrauen darin, dass immer jemand da ist, der ein offenes Ohr für uns hat. Dem wir auch erzählen können, wenn uns etwas belastet. Wenn wir uns um einen Gast besonders sorgen – oder wenn uns Erlebnisse traurig machen.

    Neugier – als ehrliches Interesse an und besondere Aufmerksamkeit für den Alltag und die Lebenssituationen unserer Besucher*innen. Für ihre Konflikte, ihre Sorgen, ihr Glück, ihre Fantasie. Für ihre Rückschläge, ihre Fortschritte, ihre Eigeninitiative. Und ihren Mut, bei uns um Hilfe und Halt zu bitten. Vielen Dank dafür!

    Akzeptanz, Vertrauen, Neugier – und Vorfreude auf jeden neuen Arbeitstag. Hier, bei der RELING.

    Maren Albertsen


RELING Anlaufstelle für Soziale Arbeit und Beratung

Neustädter Straße 27, 20355 Hamburg

Tel.: (+49) 40 – 35 71 86 56

Mail: kontakt@reling-hamburg.de