Aber eins bleibt: Hoffnung

Aber eins bleibt: Hoffnung

Jedem Ende wohnt ein Zauber inne. Oder wie heißt es noch bei Hesse? Gut, da ist vom Anfang die Rede. Und dessen Zauber. Aber manchmal birgt auch ein Ende etwas Magie in sich. Und die Chance, zu einem Anfang zu werden. Einem Neuanfang.

So wie bei dem jungen Mann, den wir regelmäßig während unserer Straßensozialarbeit in der Nähe des Hauptbahnhofes treffen. Als wir ihn vor mehreren Wochen zum ersten Mal ansprachen, war er am Ende. Und dort saß er auch. Am Ende einer Mauer gegen die Wand gekauert, leerer Blick, heruntergekommen, das ganze Gesicht: Trauer.

Verzweifelt erzählte er uns vom Tod seines Hundes. Seines geliebten Hundes, der viel mehr für ihn war als „bester Freund“: „Er war der einzige, der nicht über mich geurteilt hat, der mich nicht verurteilt hat. Er hat mich geliebt. So, wie ich bin.“ Doch nun war sein einziger Verbündeter gestorben. Krebs. Ende. „Er ist jetzt im Himmel. Da will ich auch hin. Dort sehe ich ihn wieder.“

Das sind Momente, in denen Sprache versagt. In denen „wird schon wieder“, nicht hilft. Wo aber scheinbar banale Dinge helfen: Da sein. Zuhören. Eine Hand reichen. Empathie zeigen. Signalisieren: „Du bist nicht allein. Du bist wichtig, du bist wertvoll.“

Und so gingen wir weiterhin auf ihn zu. Dankbar, dass er dies zuließ. Dass er sich nicht völlig zurückzog in seiner Trauer. Dass er uns vertraute, sich uns anvertraute. Kleine Schritte, manchmal klitzeklein. Aber so wichtig, um das Ende nicht gewinnen zu lassen.

Und tatsächlich, nach und nach: In sein Gesicht kam wieder Leben, seine Haltung wurde aufrechter. Er erhielt Zuspruch, nicht nur von uns, sondern auch von anderen Obdachlosen. Er fand die Kraft, selbst wieder auf andere zuzugehen. Um Unterstützung zu bitten. Anträge für Grundsicherung auszufüllen. Neue Struktur in sein Leben zu bringen, was er vorher für seinen Hund „ganz automatisch“ gemacht hatte.

Einige Wochen sahen wir ihn nicht. Machten uns Sorgen. Doch wieder ein Rückfall? Ins Ende? Nein, Im Gegenteil. Denn als wir ihn nun vor kurzem wieder antrafen, strahlte er uns schon vor weitem an. Erzählte von einem neuen Hund, den er, vermittelt über eine Bekannte bald bekommen würde. Und erzählte uns von Liebe. Vom Verliebtsein „in die tollste Frau“. Und baldigem Zusammenziehen „mit meinem Schatzi.“

Das sind auch Momente, in denen Sprache versagt. In denen „oh, wie schön“, nicht ausreicht. Nicht ausreicht, um das Mitfreuen auszudrücken. Und um die Anerkennung auszudrücken, dass er diesen Weg für sich gewählt hat. Mit ein bisschen Hilfe zur Selbsthilfe. Weg vom Ende, hin zum Neuanfang.

Einem Neuanfang, dem ein Zauber innewohnt.

Maren Albetsen


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