Rechenspiel

Hamburg = ca. 2.600 Menschen ohne Obdach[1] + ca. 2.600 Wohnungen ohne Bewohner[2].

Findet den Fehler!

Genau, an dieser Gleichung kann etwas nicht stimmen. Und trotzdem ist sie bittere Realität. Es ist immer wieder erschreckend, sich die Zahlen zu Obdachlosigkeit und Leerstand in Hamburg anzuschauen. Erschreckend, weil es dabei eben nicht um Zahlen geht. Sondern um Menschen. Um ihre Würde, ihre Grundrechte, ihre Wünsche und Hoffnungen. Gründe, warum sie ihr Zuhause verloren haben und auf der Straße gelandet sind, gibt es viele. Aber keinen einzigen, ihnen nicht auf Augenhöhe zu begegnen.

Genau diese Begegnungen sind es, die die Arbeit in der RELING für uns so wertvoll machen. Und die zeigen: Egal, ob es um etwas Trauriges, Nerviges oder Erfreuliches geht – wir sitzen im selben Boot. Und kommen nur gemeinsam weiter. Manchmal in Schieflage. Manchmal ist der Kurs nicht klar erkennbar. Manchmal sorgt eine steife Brise für Rückschläge. Aber manchmal, ja manchmal geht es auch in die gewünschte Richtung.

Und daran teilhaben zu dürfen ist immer wieder ein Geschenk. So berichtete ein Gast kürzlich stolz von seinem schon länger anhaltenden Triumph beim Pfandflaschen-Sammeln. Hanseatisches Understatement war dabei nicht so sein Ding: „Wenn das so weitergeht, bin ich in einer Woche Millionär!“

Ein anderer Besucher, den wir während unserer Straßensozialarbeit in der Nähe des Drob Inn trafen, hatte ebenfalls „voll good news“ zu erzählen. Die Termine bei der Schuldnerberatung, die wir gemeinsam mit ihm vereinbart hatten, hatten Wirkung gezeigt: „Voll geil: Ich bin seit heute raus aus dem Dispo-Minus.“  Das müsse gefeiert werden. Wie? „Voll klar: Ich ziehe mir jetzt schön zwei Linien Koks.“ Ähm. Voll kein Kommentar…

Mehr zu sagen und mehr zu freuen hatten wir uns mit einer jungen Stamm-Besucherin, als sie neulich zur RELING kam. Sie strahlte dermaßen übers ganze Gesicht, dass nicht mal die Maske ihr Glück verbergen konnte: Sie lebt seit kurzem in einer Wohnunterkunft und hat die Aussicht, dort dauerhaft zu bleiben. Es war ein mühsamer Weg bis dahin, bei dem wir sie gerne begleitet haben. Einer, der viel Kraft und Geduld erforderte. Vor allem von ihr. Aber sie hat Kurs gehalten.

Nun fühlt sie sich nach drei Jahren auf der Straße das erste Mal wieder geschützt und geborgen. „Wisst ihr was?“, fragte sie und flüsterte dann fast ein bisschen ehrfürchtig: „Es fühlt sich an wie ein Zuhause. Mein Zuhause.“

Ein Satz, den wir gerne öfter in der RELING hören würden. Stattdessen beenden wir unsere Arbeitstage oft mit dem Gefühl, dass wir nicht so viel bewirken können, wie wir gerne würden. Mit dem Gefühl, dass Notlagen wie Obdachlosigkeit und Suchterkrankung an vielen Stellen der Stadt eher verwaltet werden, anstatt die Ursachen wirksam zu bekämpfen. Und zwar unter Berücksichtigung der Bedürfnisse derjenigen, um die es geht: Menschen.

Natürlich ist eine Wohnung dabei nicht die Lösung. Aber sie sollte Grundvoraussetzung sein, um andere Probleme angehen zu können. Die Wohnung als Anfang eines Veränderungsprozesses. Nicht als Ende.

Hamburg = Null Obdachlose + Null Leerstand. Diese Gleichung würde für uns aufgehen. Was meint ihr?

Maren Albertsen


[1] Bei der letzten offiziellen Befragung der Sozialbehörde 2018 wurde 1.910 Obdachlose in Hamburg gezählt. Allerdings wurden nur Obdachlose in Einrichtungen befragt, so dass die Dunkelziffer erheblich höher sein dürfte. Vgl. hierzu auch https://www.hinzundkunzt.de/was-sie-ueber-obdachlosigkeit-in-hamburg-wissen-muessen/

[2] Vgl. hierzu https://www.hinzundkunzt.de/mehr-als-2600-wohnungen-stehen-leer/

Symbolbild / Quelle: QUA3840-scaled.jpg (1024×600) (mopo.de)
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