„Fishing for Compliments“

Das machten wir am 1. März ganz im wörtlichen Sinne. Schließlich ist an diesem Datum der Welt-Komplimente-Tag. Und so hielten wir für unsere Gäste eine kleine Überraschung bereit: Ein Tütchen voll bunter Spickzettel mit handgeschriebenen mutmachenden und anerkennenden Sätzen. Wer wollte, bekam sein persönliches Kompliment herausgefischt und vorgelesen. „Du bis wertvoll“, hieß es dann. Oder auch: „Mach dich nicht klein – in dir steckt Großes.“ Manche Augenpaare strahlten daraufhin mit der Sonne um die Wette: Das schönste Kompliment für uns!

Häufig hörten wir zusätzlich ein freundliches Danke für das „süße Extra“. Dieses Extra war für viele auch dringend nötig. Denn: „Die Pandemie hat für uns jetzt schon sooo lange nur Saures zu bieten“, wie ein Besucher kommentierte.

Rund zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass der erste Corona-Fall in Deutschland bekannt wurde. Welch starke Auswirkungen die Pandemie bis heute haben würde – wohl keiner von uns hätte damit gerechnet. Die ersten Maskenträger wurden noch misstrauisch beäugt, heute ist der Anblick für uns völlig normal. „Ich weiß gar nicht, wie du ohne aussiehst“, witzeln wir manchmal. Dabei ist das doch eigentlich traurig.

„Kann Corona nicht endlich vorbei sein?“, fragte ein Gast neulich. Nicht wütend, nur noch resigniert. „Ich hab´ so kein Bock mehr.“ Verständlich. Dazu die neuen Ängste, Unsicherheiten: Krieg! Quasi in unserer Nachbarschaft. Schreckensmeldungen und Schreckensbilder am laufenden Band. Unfassbar, unwirklich – und leider doch so schmerzhaft war. Das belastet, das raubt Zuversicht.

Wie muss es in dieser Situation all denjenigen ohne ein Zuhause gehen? Ohne einen ruhigen, sicheren Ort, an dem sie Kraft tanken und an dem sie in Gemeinschaft trotz allem wieder nach vorne blicken können? Wir können es nur erahnen. Und versuchen im Alltag zu helfen, so gut es geht.

So wie dem Besucher, den wir kürzlich bei der Straßensozialarbeit trafen und der uns nach einem Windlicht fragte. Ein Windlicht? Jetzt, wo es Frühling wird? „Ja“, flüsterte der junge Mann, „So eins nehme ich für meine Schwester mit, wenn ich sie demnächst besuche.“ Pause. „Auf dem Friedhof.“

Schluck. Das ist dann wieder so ein Moment… Da ist es egal, wie sehr die Sonne scheint. Das Herz friert. Denn was hilft, wenn jemand einen geliebten Menschen verloren hat? Was kann man tun und sagen? Nicht viel. Aber man kann da sein. Und zuhören. So erzählte uns der Mann, wie seine jüngere Schwester bei einem Unfall ums Leben kam, da war sie gerade 14. Er selbst sei Zeuge gewesen, hielt seine Schwester in den Armen, als sie starb. „Sowas kriegst du nicht aus dem Kopf, auch wenn es lange her ist. Das bleibt.“

Ja, sowas bleibt. Und es ist verständlich, dass so eine Erfahrung einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Bewundernswert, wenn man sich trotzdem aufrappelt und Ziele setzt. „Ich bekomme hoffentlich bald ein festes Zimmer in einer Wohnunterkunft“, berichtete er weiter. „Dann möchte ich eine Ausbildung als Berufskraftfahrer anfangen.“ Kurzes zögern. „Wenn ich das schaffe.“

Es war wahrscheinlich nur Zufall, welchen Zettel wir nach diesen Selbstzweifeln aus dem Komplimente-Beutel für ihn fischten: „Du bist ein Kämpfer – du schaffst das.“ 

Maren Albertsen

Symbolbild / Quelle: homelessness-vic-metro-au-1024×683.jpg (1024×683) (hopeaustralia.com.au)
Zum Blog – Archiv