Nichts als Worte

Und doch so machtvoll! In ihrem Fall hätte sogar ein einziges Wort genügt. Ein klitzekleines nur. Wir hatten es so gehofft. Dass die Frau, die wir bei unserer Straßensozialarbeit antrafen, „Ja“ sagen würde. „Ja“, in dem Moment, als wir auf ihren Wunsch hin bei der Notaufnahme der Frauenhäuser anriefen – und die Ansprechpartnerin am anderen Ende fragte, ob sie abgeholt werden wolle. Abgeholt, um in Sicherheit gebracht zu werden. „Bitte sag ja!“, hofften wir in Gedanken. Aber sie sagte nichts.

Für das entscheidende Wort fehlte ihr letztlich der Mut. Andere Worte hatten ihr diesen Mut genommen. Erniedrigende Worte, die sie in einem plötzlichen Stimmungswechsel nun gegen uns richtete.

Nicht einfach, so etwas auszuhalten. Dass man helfen möchte, die Hilfe aber nicht angenommen wird. (Noch) Nicht angenommen werden kann. Auszuhalten, wie viel jemand zu ertragen bereit ist, um nicht allein zu sein. Um die Illusion von Liebe, einer „guten“ Beziehung aufrechtzuerhalten. Was dann bleibt? Ein Leben auf der Straße, das nicht viel mehr ist als ein Überleben. Gewalt, physisch und psychisch. Und Wodka, viel Wodka als Trost.

„Er macht mich kaputt“, hatte die Frau zuvor über ihren Freund erzählt, „er redet mich kaputt.“ Und wie soll man auch heil bleiben, wenn einem immer wieder gesagt wird, man sei wertlos, würdelos, zu nichts nütze?

Da nützt es nichts, sich zu sagen: Das sind nur Worte. Denn die gehen direkt hinein – in die Seele. Und setzen sich dort fest. Bis sie irgendwann ausbrechen – und genauso verletzend zurückgeworfen werden.

Umso wichtiger für uns, sich immer wieder bewusst zu machen, was Worte bewirken können. Was sie in anderen auslösen, wie sie andere kleinmachen können.

Oder im besten Fall: Jemanden ein bisschen aufbauen können. So wie andere Gäste, die zu uns kommen. Die aus den unterschiedlichsten Gründen gerade mutlos, ratlos, perspektivlos sind. Die umso dankbarer sind, wenn wir gut zuhören – und gut mit ihnen reden. Wenn wir Worte „verteilen“, die Kraft und Zuversicht geben.

Dass unsere Besucher teilweise nur gebrochen oder gar kein Deutsch sprechen, ist dabei nebensächlich. Verständnis funktioniert auch, ohne sich zu verstehen: Wenn man sich auf sein Gegenüber wirklich einlässt, findet man automatisch die „richtigen“ Worte, denn sie kommen von Herzen.

Genauso wichtig: Für eine Begegnung auf Augenhöhe, müssen sich Augen schon begegnen. Müssen wir uns Zeit nehmen auch für Blicke, für Gesten.  Nur so können wir bei unseren Mitmenschen, die gefühlt in einer „Eiszeit“ feststecken, das Eis brechen. Manchmal reicht dafür schon ein Lächeln, manchmal ein ermunterndes „Wie können wir dir helfen?“. Und wenn man nicht helfen kann, kann man sich trotzdem weiter begegnen. Gemeinsam aushalten. Mit Worten Gutes tun, auf den anderen achtgeben.

So wie wir auf die oben erwähnte Frau. Unsere Hand bleibt weiter ausgestreckt. Bis sie irgendwann vielleicht zugreift. Und das entscheidende Wort sagt.

Maren Albertsen

Symbolbild / Quelle: feuer_reeperbahn_bela-806×392.jpg (806×392) (hinzundkunzt.de)
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