Wie kann man nur so viel Hass in sich tragen? Hass gegen die Ärmsten und Schwächsten der Gesellschaft. Und wie kann man sich nur so verhalten? So verachtungsvoll, abscheulich, brutal. Wie kann man nur? Das fragten wir uns kürzlich nach einer unserer „StraSo“-Runden. Entsetzt, wütend. Die Szene, die wir da am Hauptbahnhof aus einiger Entfernung mitbekommen hatten, steckt uns immer noch in den Knochen.

Ein paar Obdachlose saßen neben einem Durchweg zur U-Bahn an eine Mauer gelehnt und taten – nichts. Also sie taten nichts, was jemanden belästigen, verängstigen oder sonst wie behelligen könnte. Sie waren nicht laut, nicht aggressiv, behinderten keine Passanten am Vorbeigehen. Sie tranken Bier, unterhielten sich. Sie waren einfach nur da.

Was aber wohl einfach schon zu viel war. Zu viel für den Mann, der die Gruppe soeben passiert hatte, als er sich ruckartig umdrehte und mit hochrotem Kopf schrie: „Ihr Asozialen! Ihr seid Abschaum! Geht arbeiten! Verpisst euch!“

Fassungslos hörten wir diese Worte, hörten noch weitere, viel schlimmere Worte, die folgten. Worte, die den Menschen, denen sie galten, ihr Menschsein absprachen, ihre Würde, ja, sogar ihr Recht auf Leben: „Geht sterben!“

Fassungslos sahen wir, wie der Mann während seiner Hasstirade nach einer Glasflasche auf dem Boden griff und in Richtung der Gruppe warf. Nur durch Glück, durch Zufall, was auch immer, traf sie niemanden. Sie zersplitterte krachend auf dem Boden. An einer Stelle, die nur eine Sekunde später eine Mutter mit Kinderwagen betrat.

Fassungslos erlebten wir uns selbst einen Moment in Schockstarre. Realisierten erst, was da gerade passiert war, als der Mann schon verschwunden war. Standen zu weit weg, um eingreifen oder den Mann später für eine Anzeige bei der Polizei beschreiben zu können.

Konnten also nicht mehr viel tun – außer für die Betroffenen nach diesem schlimmen Erlebnis da zu sein. Unendlich traurig machte uns deren Reaktion – nämlich keine. Stattdessen Resignation, Achselzucken: „Wir sind das gewohnt.“

Wie kann das nur? Wie kann das nur sein? Das Verachtung von und Gewalt gegenüber Obdachlosen „normal“ ist?

So ein Verhalten lässt sich durch nichts rechtfertigen. Die Obdachlosen sollen arbeiten gehen? Dann helft ihnen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen! Die Obdachlosen sollen sich verpissen? Dann gebt ihnen ein Zuhause, in das sie sich verpissen können! Die Obdachlosen sind asozial? Dann lasst sie am sozialen Leben teilhaben!

Und hört auf, von „den“ Obdachlosen zu reden. Denn „die“ Obdachlosen gibt es nicht. Es gibt nur Menschen. Wunderbare, wertvolle, einzigartige und eigensinnige Menschen. Keiner ist besser, keiner ist schlechter. Jeder hat seine persönliche Geschichte, seine eigenen Probleme, Ressourcen und Bedürfnisse.

Wie kann man nur? Wie kann man das nur nicht sehen? Wie kann man so blind sein, wenn es um Geschwisterlichkeit, Miteinander, Verantwortung geht? Und wie kann man so eifernd sein, wenn es um Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewalt geht?

Wie kann man nur?

Maren Albertsen

Symbolbild / Quelle: eine-kaputte-bierflasche-liegt-auf-dem-boden-symbolbild-nach-flaschenwuerfen-auf-passanten-wurden-mehrere-minderjaehrige-festgenommen-.jpg (610×343) (t-online.de)
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